Aaaah!
Ein Brief! Von meinem Unternehmen, wie ich es insgeheim schon nenne. Und was ich da lese, treibt mir fast Tränen der Rührung in die Augen (nein, tut es nicht – aber ich freue mich trotzdem sehr), denn ich hab’s echt geschafft.
Ich werde der neue Marketing-Trainee in einem der führenden Unternehmen der Automotive-Branche in Deutschland.
Am nächsten Tag sind Rollenspiele angesagt. Gut für mich, immerhin hat gestern niemand gemerkt, wie chaotisch es in mir drin aussah – der geborene Schauspieler eben. Ich muss den Chef geben in unserem kleinen Laientheater und muss entscheiden, ob ein Mitarbeiter entlassen werden sollte oder nicht. Ich höre mir die Argumente aller Beteiligten an und entscheide dann, dass eine Kündigung nötig ist, da es sich um wiederholte Verstöße handelt. Eine gewagte Entscheidung, doch den Chefs scheint sie zu gefallen – jedenfalls rede ich mir das ein.
Es folgt die Stelle, in der die Bewerber beweisen müssen, ob sie in ihren Bewerbungen geschummelt haben oder nicht. Es geht um eine Gruppenaufgabe, in der wir 10 Begriffe, die das Unternehmen beschreiben, in eine Reihenfolge von „wichtig“ bis „weniger wichtig“ bringen und anschließend unsere Entscheidung in der Gruppe diskutieren sollen – unsere Teamfähigkeit wird also ausgelotet. Ich lasse alle aussprechen, bleibe präsent, argumentiere gut, bringe mich ins Gespräch ein und versuche meine Überlegungen an der zur Verfügung stehenden Tafel zu visualisieren – jedenfalls hoffe ich, dass es nach außen hin auch so ausgesehen hat.
Zum Abschluss müssen wir eine Werbekampagne konzipieren. Kreativität auf Knopfdruck – nicht leicht, aber machbar, wie ich zum Glück aus meinen verschiedenen Praktika weiß. Nach den vorgegebenen 15 Minuten stehe ich vor der versammelten Mannschaft und schildere meine Strategie, in die ich soviel meiner Erfahrung und meines Wissens aus verschiedenen Marketing-Abteilungen einbringe. Also ich fand mich gut. Jetzt muss sich nur noch herausstellen, ob die Personalverantwortlichen das genauso sehen. Jetzt kommt die schwierigste Aufgabe in so einem Bewerbungsprozess: Warten. Mehr kann ich nicht mehr tun. Zwischen Euphorie und völligem Entsetzen schwankend verbringe ich die nächsten Wochen.
Immer lächeln. Die anderen sehen auch ganz souverän aus, dann werde ich das ja wohl auch hinkriegen. 14 Mitbewerber! Wie soll ich mich nur gegen eine solche Konkurrenz durchsetzen? Immer das alte Mantra: Locker bleiben. Ich lächle den Chefs zu, die uns begrüßen, und nicke an den richtigen Stellen wissend bei der kurzen Vorstellung des Unternehmens. Danach sind wir dran mit dem Vorstellen.
Langsam stehe ich auf, mache mit dem Lächeln natürlich weiter und erzähle kurz und knackig wer ich bin, was ich mache und was Tante Erna mir zum Geburtstag geschenkt hat. Moment. Nein, das lass ich lieber weg. Nur das wichtigste erzählen. Die Praxisaufgabe, die den Bewerbern danach gestellt wird, hat es allerdings in sich. Die Organisation des Postkorbes ist in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen, und einige fiese Fehler sind eingebaut. Also heißt es das Wichtigste selektieren und das dafür perfekt lösen. Perfekt?
Eher nicht. Einer der Personaltypen fragt mich, ob ich wirklich zufrieden mit mir bin. Äh, hallo? NEIN! Ich zittere und habe das Gefühl, der dümmste Absolvent zu sein, den diese Firma je gesehen hat! Laut sage ich "Ich denke, das Verfahren ist durchaus optimierfähig, allerdings bin ich auf Grund der besonderen Situation und der Kürze der Zeit überzeugt, die beste Wahl getroffen zu haben.". Bla bla. Einfach ein bisschen schwafeln, dann merkt er schon nicht, dass ich mich vor Nervosität kaum auf den Beinen halten kann. Er macht natürlich keine Anstalten, irgendeine Gefühlsregung zu zeigen und schafft es damit, mir einen Tag voller Selbstzweifel und -vorwürfen zu verschaffen.
Na herzlichen Dank.
Was Soll ich sagen,
nach 6 unendlich langen Wochen bekomme ich einen Brief. Sehr geehrter ... bla bla ... möchten wir Sie persönlich kennenlernen. Ein Vorstellungsgespräch - Ich bin sprachlos und sofort fängt mein Gehirn an zu rattern. Was zieh ich nur an? Und wann? Wenn ich im Zug sitze, wird doch alles zerknittern. Und auf dem Klo umziehen muss auch nicht sein. Mal überlegen: Sie suchen einen Trainee, wissen also, dass ich gerade erst mein Studium hinter mich gebracht habe. Sie wissen auch, dass ich kein reicher Geschäftsmann bin, der sich einen Armani und eine Rolex leisten kann.
Es wäre schon komisch, wenn ich so dort auftauchen würde. Aber ich hab doch im Schrank noch meinen Anzug vom Abi-Ball. Nichts großartiges, aber immerhin professionell. Der ist etwas leger und ich fühle ich darin wohl - perfekt. Bevor es losgeht, habe ich mich noch grob über den Ablauf eines Bewerbungsgesprächs und mache mir Gedanken über meine Antworten und gegebenenfalls auch über eigene Fragen, falls dich die Möglichkeit dazu bekomme.
Einfach locker bleiben, dann wird das schon!
Na toll. Und schon steh ich vor dem nächsten Problem: Die Bewerbung. Ist das alles stressig. Na immerhin habe ich mich ja schon dazu entschieden, eine Online-Bewerbung zu schicken. Da bleibt es mir wenigstens erspart, mir auch noch über das Material meiner Mappe Gedanken zu machen.
Aber wie macht man das jetzt schon wieder richtig? Wieso erzähllt einem so was vorher keiner?? Ich schreibe erstmal meinen Lebenslauf. Das ist das einfachste und da gibt es auch festlegte Formen. Daran kann man sich halten. Aber wie veschick ich das Teil? Direkt in die E-Mail reinkopiert oder als Dateianhang? Ich surfe durch die Gegend und finde vernünftige Tipps. Dokumente als Anhang (am besten pdf-Dateien), Anschreiben direkt in die E-Mail, Referenznummer in den Betreff. Klingt logisch und einfach.
Wie zu erwarten war, ist es das aber nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen. Man will auffallen, aber nicht zu extrovertiert wirken. Man will professionell, doch nicht gestelzt überkommen nach dem Motto – Ich utilisiere keine Fremdwörter, ich parliere nur eloquent – oder so was. Ich bleibe einfach locker und schreibe drauf los. Dass ich Marketing schon immer interessant fand, dass ich sehr wortgewandt bin, professionell und teamfähig, und was es da nicht noch so alles gibt. Aber ich schreibe nur Sachen, die auch wirklich stimmen. Ich weiß, dass ich teamfähig bin, weil ich bei Gruppenarbeiten nie Probleme hatte und ich weiß, ich bin professionell, denn meine Noten beweisen es. Und so weiter. Das alles ein bisschen hübsch in unserer schönen Sprache verpackt ergibt das eine ehrliche, adäquate und doch lockere Bewerbung, die dazu einlädt, den Verfasser nachträglich umgehend vom Fleck weg zu engagieren :-) oder so was in der Richtung.
Vor einigen Tagen haben wir eine E-Mail von Stephan aus Göttingen bekommen. Stephan beschreibt in diesem Text seine Erfahrungen während der Bewerbung. Anhand diesem Beispiel möchten wir Tipps rund zum Thema Bewerbung geben – habt ihr Fragen oder wollt über eure Erlebnisse berichten? Schreibt einfach im Blog.
Hallo!
Ich bin Stephan und studiere in Göttingen Germanistik. Aber nicht mehr lange, denn ich habe meinen Abschluss bald in der Tasche. Und was dann? Klar, für den Ernst des Lebens bewerben. Aber wie? Und wo? Und überhaupt?? Da studiert man jahrelang, und keiner bringt einem so was bei. Als erstes habe ich mich natürlich informiert: Was wird wo angeboten, und wer will überhaupt einen Germanisten haben?
Die Antwort: erschreckend wenige. Ich habe bei allen renommierten Job-Portalen im Internet nachgeschaut, aber viel gibt es wirklich nicht. Also hoffe ich unter anderem, durch Initiativbewerbungen zu meinem Traumjob zu kommen. Ja, das ist vielleicht ein bisschen aufdringlich und ein bisschen blöd komme ich mir dabei auch vor. Aber hey, was tut man nicht alles, um seinen Traum zu verwirklichen.
Als Studentischer Mitarbeiter im Marketing habe ich schon während meines Studiums gemerkt, was ich im Berufsleben mal machen will. Zum Glück ist das auch nicht gerade der brotloseste Bereich, den man sich aussuchen kann. Am liebsten wäre mir ja erst einmal ein Trainee-Programm, in dem ich die Grundlagen erlernen kann. Also versuche ich doch einfach mal bei einem führenden Automobilhersteller Deutschlands.
Doch was für eine Bewerbungsmappe nimmt man da? Kunststoff, Pappe, Aluminium? Ich denke mir, dass ein so modernes Unternehmen es sicher gern sieht, wenn man sich online bewirbt. Also schaue ich auf der Internet-Seite nach, finde heraus, wer für das Personalwesen im Unternehmen zuständig ist und mache mich an meine Online-Bewerbung.
Mit der perfekten äußeren Form, dem perfekten Bewerbungsfoto und dem perfekten Anschreiben muss ich sie einfach überzeugen, dass ich der Richtige bin!


