Unser Gesundheitsminister hat den Stein vor einer Weile ins Rollen gebracht und nun diskutiert alle Welt über den Ärztemangel und das Medizinstudium. Röslers Vorschlag: Den verhassten Numerus Clausus für das Medizinstudium abschaffen. Klingt auf den ersten Blick plausibel, denn das, so glaubt das Gesundheitsministerium, führe unweigerlich dazu, dass es mehr Medizinstudenten gibt.
Aber halt. Was war doch gleich der Grund für den Numerus Clausus? Ach ja richtig, es gibt nur eine begrenzte Zahl von Studienplätzen, deren Vergabe durch den NC geregelt werden soll. Wenn also mehr Ärzte in Zukunft ausgebildet werden sollen, dann brauch es vor allem eins: mehr Studienplätze. Und wenn zudem noch erreicht werden soll, dass nicht nur die Kandidaten mit einem Einser-Abitur einen Studienplatz kriegen, sondern auch diejenigen mit einem Zweier- oder gar Dreier-Durchschnitt, dann sind so viele Studienplätze nötig, dass es vielleicht in 10 Jahren einen klaren „Ärzteüberschuss“ geben könnte. Erschwerend kommen die unispezifischen Zulassungsbedingungen. Denn längst ist der NC nicht mehr das einzige Kriterium bei der Studienplatzvergabe.
Der oft beklagte Ärztemangel, vor allem auf dem Land, dürfte sich kaum durch das Abschaffen des Numerus Clausus ausbügeln lassen. Denn die Gründe hierfür und für das Auswandern zahlreicher Ärzte ins Ausland, liegen vermutlich in den generell schlechten Arbeitsbedingungen. Obwohl sich Röslers Vorschlag bei näherer Betrachtung eher als Milchmädchenrechnung entpuppt, setzt die Kritik eine längst überfällige Diskussion in Gang. Man darf vor allem auf die nächsten Jahre gespannt sein, wenn gleich zwei Jahrgänge wegen der Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium, den Unis die Bude einrennen.
So, jetzt mal wieder etwas interessantes abseits von Streiks und Protesten. Ich habe heute eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh entdeckt (zugegeben jetzt schon ein paar Tage alt), welche belegt, dass für einen großen Teil von westdeutschen Studieninteressenten, ein Studium in Ostdeutschland nicht in Frage kommt. Befragt wurden 1500 Personen, 60 Prozent davon haben milde ausgedrückt nur wenig Lust dort zu studieren und zu leben.
Das liegt insgesamt nicht nur an den Unis, sondern vor allem an den Hochschulstandorten. Potentielle Studienanfänger fürchten nicht nur die hohe Ausländerfeindlichkeit (rund 42 Prozent), sondern werden auch von schlechteren Jobchancen im Osten abgeschreckt (58 Prozent). Laut dem Autor der Studie begeht man jedoch einen großen Fehler, wenn man sich von Vorurteilen leiten lässt. Nicht nur ist die Ausstattung an Ostdeutschen Hochschulen neuer, man zahlt dort auch keine Studiengebühren. Die Studienbedingungen sind insgesamt oft sehr gut, wo hingegen die in Westdeutschland sich erst mal weiter verschlechtern dürften. Doppelte Abiturjahrgänge sowie die Tatsache das viele Ostdeutsche Jugendliche in den Westen abwandern, sorgen für eine Flut von Studierenden an Westdeutschen Hochschulen.
Tja, ist der Ruf erst ruiniert ... Da kommt wohl einiges an Arbeit auf die ostdeutschen Uni Standorte zu, um das ramponierte Image wieder aufzubessern. Ich befürchte jedoch, dass sich am derzeitigen Zustand auf Jahre gesehen nicht viel ändern wird.
Jeder, der in China nach der Schule an einer Uni studieren will, der muss sich einem langwierigen Prüfungsmarathon unterziehen auf den sich viele monatelang vorbereitet haben. Drei Tage lang werden die angehenden Studenten geprüft und die Anspannung ist groß. Schließlich entscheidet das Ergebnis über die berufliche Zukunft. Das ist auch der Grund, warum Betrugsversuche nicht ausbleiben und Eltern sogar vor den drohenden Gefängnisstrafen nicht zurück schrecken. Mit rund 60.000 Kameras soll dem entgegen gewirkt werden, um Spick-Versuche jeglicher Art zu unterbinden. Sogar ungewöhnliche Radiostrahlen werden zum Zeitpunkt der Prüfungen mit speziellen Vorrichtungen eingefangen, da Eltern bereits versuchten, ihren Kindern per Funk die Lösungen mitzuteilen.
Neben der Angst vor Spickversuchen, schlagen sich die Unis mit einer weiteren Plage rum: Aus Angst vor der Schweinegrippe werden die Prüfungsräume zweimal täglich desinfiziert und alle 10 Millionen Prüflinge werden auf Grippesymptome untersucht. Für potenziell erkrankte stehen dann extra Prüfungsräume zur Verfügung. Dass die Chinesen in Sachen Kontrolle ganz weit vorne mit dabei sind, ist ja nichts Neues. Dass es aber solche Ausmaße angenommen hat, finde ich schon sehr erschreckend. Wer also bei der nächsten Klausur denkt, dass der obligatorische frei zu haltende Platz neben einem und die strenge Klausuraufsicht übertrieben sei, der sollte sich an die Überwachungskameras, die Schweinegrippe-Untersuchung und die Radiostrahlen-Überwachung erinnern. Das nenne ich mal eine "Klausuraufsicht".
An der Hochschule für Sozialinformatik in Tokio sollen rund 550 Studenten mit einem iPhone ausgestattet werden. Darüber sollen nicht nur Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt und kleinere Prüfungen abgewickelt werden, sondern auch Schwänzern das Leben schwer gemacht werden. Bei der Immatrikulation wird den Studenten das Handy zur Verfügung gestellt. Die Uni übernimmt dabei sogar die monatlichen Grundgebühren. Das Ganze klingt zwar äußerst spendabel und fortschrittlich, passiert aber wie gesagt nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn die Uni will mit dem iPhone auch die Anwesenheit ihrer Studenten überprüfen. GPS sei Dank, kann nämlich der Aufenthaltsort der Studenten während der Vorlesungen überwacht werden.
Obwohl auch in Europa immer mehr Universitäten mit dem iPhone als Studienhilfe liebäugeln, müssen sich europäische Studenten nicht vor einer GPS Überwachung fürchten, da dies in Europa aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht umsetzbar wäre. Na, wenn das so ist würde ich auch eins nehmen: ’Nem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht ins Maul. Ich frage mich allerdings, ob die japanischen Studenten das genauso sehen. Aber welcher Student will sich schon gerne von seiner Uni, bzw. seinem iPhone überwachen lassen?
Die Uni Paderborn vergibt zum kommenden Wintersemester an alle Studienanfänger Netbooks, um die Lehre und die Studienbedingungen zu verbessern. Als „Universität der Informationsgesellschaft“ will die Uni Paderborn mit ihrer Aktion einen Schritt in Richtung Fortschritt setzen. Mit Hilfe von Sponsoren konnte dieses Projekt durchgesetzt werden, ohne (angeblich) den Hochschuletat zu belasten. Das Netbook soll den Studierenden den Zugang zum hochschulinternen Funknetz erleichtern und für Präsentationen in Seminaren und Übungen zum Standard werden. Es soll auf die alltäglichen Bedürfnisse der Studenten ausgerichtet sein und darf sogar nach dem Studium behalten werden.
Ich finde, das ist mal wieder eine großartige (nett gemeinte) universitäre Schnapsidee. Erstens frage ich mich, wenn es so viele tolle Sponsoren gibt, warum werden die dann nirgendwo genannt? Ich hoffe nur, dass ich nicht mit meinen 500 Euro unwissendlich zu den großzügigen anonymen Sponsoren gehöre. Zweitens sind die Hörsäle doch schon voll genug. Warum werden da jetzt noch mehr Studenten mit einem kleinen Netbook geködert? Und drittens: Warum kriegen nur die Studienanfänger ein Netbook und nicht diejenigen, die seit Jahren mit schlechten Studienbedingungen zu kämpfen haben und für deren „Verbesserung“ seit Jahren Studiengebühren zahlen? Gleichberechtigte Verbesserung der Studienbedingungen sieht anders aus und schlechte Bedingungen lassen sich nicht mit einem kleinen Netbook aus der Welt schaffen.
Hilflosigkeit und Entscheidungsängste sind ein lukratives Geschäft. Egal ob man verzweifelte Übergewichtige mit überteuerten Diät-Zauberdrinks ködert, oder ratlosen Menschen teure Horoskope als Lebenshilfe aufschwatzen will: In ihrer Hilflosigkeit greifen viele nach jedem Strohhalm.
Auch aus den Entscheidungsängsten von Schulabgängern und Absolventen lässt sich Kapital schlagen. Zweifelhafte Persönlichkeitstests sollen bei der Berufs- und Studienwahl helfen. Der neuste Clou ist die Gesichtsanalyse. Hier schickt der Hilfesuchende ein Foto seines Gesichts ein und erhält daraufhin eine Persönlichkeitsanalyse, die anhand seiner Gesichtszüge erstellt wird. Kleine Ohren deuten laut Analyseergebnis auf Sensibilität und Aufmerksamkeit hin, Spontaneität und Multitasking lassen sich an einer breiten Nasenwurzel erkennen. Dass das ganze nicht kostenlos ist, versteht sich von selbst. Will man jedoch eine berufsbezogene Analyse seines Profils, muss man noch mal drauf zahlen.
Viel wichtiger jedoch als eine kostenpflichtige Gesichtsanalyse, sind bei der Berufs- und Fächerwahl die Selbst- und vor allem die Fremdeinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Interessen. Denn über Zuverlässigkeit und Spontaneität können Freunde und Eltern wahrscheinlich verlässlichere Aussagen treffen, als die Analyse von Nase und Ohren.
Sobald man das bequeme Hotel Mama verlassen hat und zum Studieren in eine neue Stadt zieht, fallen einem schnell die kleinen aber feinen Unterschiede zur Heimat auf. Eigentlich wollte man ja raus aus der Großstadt, aus diesem anonymen dreckigen Moloch, auf der Suche nach was Besserem. Das Rauschen der Autobahnen, die rauchenden Schlote, die merkwürdigen Gestalten, die sich am Bahnhof rumtreiben und die Gewissheit, dass man an jeder Ecke einen Döner-Laden findet, wollte man ja eigentlich weit hinter sich lassen.
Aber jetzt wo man in der Provinz studiert, vermisst man plötzlich die einst ungeliebte Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die nervige Parkplatzsuche in der Innenstadt und die schmierige Fußgängerzone. Hier schließen die Geschäfte schon um 18 Uhr und machen so was wie „Mittagspause“ zwischen zwölf und zwei. Der Weg zur nächsten Autobahnauffahrt dauert fast eine Stunde, die nächste Großstadt ist etwas um die vierzig Kilometer entfernt und die Leute sehen irgendwie alle anders aus. Irgendwie fühlt sich Provinz für den eingefleischten Großstädter plötzlich zu sauber und zu idyllisch an und man entwickelt einen für Provinzler nicht nachvollziehbaren Patriotismus zur eigenen Stadt. Man vermisst plötzlich die einst so ungeliebten Makel der Heimat.
Und jedes Mal, wenn man jetzt mit dem Zug nach Hause fährt und einem am Bahnhof die ersten zwielichtigen Gestalten entgegen schlurfen, man sich noch schnell an der nächsten Ecke einen Döner kaufen kann und der Bus schon in drei, statt in vierzig Minuten kommt, dann ist es zu Hause doch irgendwie am Schönsten.
Kurz vor seinem 90. Geburtstag hat Altkanzler Helmut Schmidt einigen Abiturienten in Hamburg noch mal kräftig den Kopf gewaschen: „Wenn Sie sich aber für einen Beruf oder eine Ausbildung entschieden haben, dann sollten Sie Ihren Weg mit Ernst und mit Fleiß beschreiten, statt endlos herumzustudieren.“ Die Studiendauer sei „skandalös“.
Ein Grund für die lange Studienzeit sei vor allem die Unfähigkeit deutscher Professoren, ihre eigenen Universitäten betriebswirtschaftlich vernünftig zu organisieren.
Und so warf der Altkanzler mit allerlei Lebensweisheiten um sich. So auch auf die Frage, ob ein Jahr im Ausland nach der Schule Zeitverschwendung wäre: „Natürlich geht der Beruf vor! Aber es gibt doch wohl Semesterferien. Was machen Sie eigentlich da? Reisen Sie gefälligst in der Welt herum! Und nicht nach Las Palmas oder ans Mittelmeer oder wo es sonst schöne Strände gibt. Reisen Sie in Länder, in denen man sich umsehen und etwas lernen kann!“
Eigentlich alles gut gemeinte Ratschläge. Dennoch leichter gesagt als getan, denn den meisten Studenten fällt es zunehmend schwer, alles miteinander zu vereinbaren: Da sind neben der Uni noch der Job, mit dem man sich seinen Lebensunterhalt finanziert, die Hausarbeiten und Klausuren, die man in den Semesterferien schreiben muss, Praktika und Auslandssemester müssen auch noch Platz finden. Ach ja, wie heißt es doch gleich,…Freizeit soll es ja auch noch geben. So kann es schon mal sein, dass der deutsche Student länger studiert, als vorgesehen. Und das sich die Studienbedingungen und Lebensumstände seit 1949 etwas geändert haben, dürfte auch einem Helmut Schmidt nicht entgangen sein.


