Wir lesen! Unsere Meinung und unser Weltbild werden von geschriebenen Zeilen geprägt. Da ich immer weniger Zeit finde, um mich in Ruhe in der Zeitung über das Geschehen in der Welt zu informieren, habe ich angefangen, mehr fernzusehen. Ich zappe mich durch diverse Reportagen und Nachrichtensendungen. Meist erst spät abends, wenn die sehr einfach strukturierten Sendungen ein Päuschen machen dürfen. Mein Göttergatte liegt auf der Couch und liest ein Taschenbuch von National Geographic: Faszination Äquator.

"Stell dir vor: In der Zeit der Kolonialisierung des Kongos hatten belgische Soldaten jedem Opfer, das sie erschossen, die rechte Hand abgehackt, um den Verbrauch der Kugeln zu kontrollieren. Auf Jahre hin hatte keiner der Anwohner Appetit auf Dosenfleisch, da zu befürchten war, dass keine Tiere verwendet wurden."
Mahlzeit!

Keine fünf Minuten später verfolge ich interessiert auf dem Bildschirm einen Bericht über einen jungen Mann, der couragiert den Bürgerkrieg im Kongo mit seiner Digitalkamera dokumentiert. Er hält fest, was Menschen einander antun können. Mein Couchpotato blickt auf und sagt zu mir: "Wie kannst du nur den Menschen beim Sterben zusehen?"

Wie verrückt ist das denn?

Dann habe ich begriffen, was es für einen Unterschied macht, ob etwas in schwarzen Buchstaben auf unschuldigem weißen Papier festgehalten wird oder in realistischen Bildern. Die Bilder erlauben uns keine Flucht in die Fantasie, sie lassen uns, im Gegensatz zum Gelesenen, keine Möglichkeit der Verharmlosung. Der Macht der Bilder kann man nur entkommen, wenn man umschaltet, eine neue Form des Wegschauens.

Eine Frage lässt mich seitdem nicht mehr los: Wie würde sich die Welt verändern, wenn sich die Menschen den realen Bildern stellen und nicht wegzappen würden, wenn es brenzlig wird?